Wissenschaftliche Begutachtung kämpft mit Überforderung

2026-08-10 · kamil

Die wissenschaftliche Begutachtung, ein zentraler Prozess zur Qualitätssicherung in der Forschung, gerät zunehmend unter Druck. Forscher wie Jason Semprini von der Des Moines University erleben Verzögerungen und Ablehnungen ihrer Arbeiten, weil Gutachter die Manuskripte nicht sorgfältig lesen oder die Komplexität der Studien missverstehen. Semprini, der die Wirksamkeit von Pflichtimpfungen gegen humane Papillomviren (HPV) untersuchte, sah seine Arbeit abgelehnt, weil ein einziger Gutachter seine Forschung fälschlicherweise als Infragestellung der Impfstoffwirksamkeit interpretierte.

Zunehmende Publikationsflut überlastet System

Das Problem der überforderten Gutachter wird durch einen stetigen Anstieg der wissenschaftlichen Veröffentlichungen verschärft. Die Anzahl der in Datenbanken wie Scopus und Web of Science indexierten Artikel wächst jährlich um 5,6 Prozent. Schätzungen zufolge wenden Forscher weltweit jährlich insgesamt 15.000 Jahre für die Begutachtung auf. Allein der in den USA geleistete Anteil dieser unbezahlten Arbeit würde, wenn vergütet, 1,5 Milliarden US-Dollar kosten.

Die Suche nach qualifizierten und willigen Gutachtern wird immer schwieriger. Steven Mack, Redakteur bei Human Immunology, muss heute etwa dreißig E-Mails versenden, um einen einzigen Gutachter zu finden, während es vor fünf Jahren noch fünf bis zehn E-Mails für drei Gutachter waren. Dies führt dazu, dass Gutachten mitunter an Personen vergeben werden, die nicht ausreichend qualifiziert sind oder nicht die nötige Zeit für eine gründliche Prüfung aufbringen können.

Für viele Forscher sind peer-reviewte Publikationen entscheidend für ihre Karriere und die Sicherung von Fördermitteln. Trotzdem beschreiben sie das System als „extrem langwierig und schmerzhaft“, wie der Mikrobiologe Sebastian Lourido vom Whitehead Institute anmerkt. Einige Forscher, insbesondere im Bereich der KI-Forschung, weichen daher zunehmend auf informelle Kommunikationswege wie Blogs aus, um wichtige Ergebnisse schneller zu teilen.

Historische Entwicklung und heutige Bedeutung

Obwohl die Begutachtung heute als „Grundlage der Wissenschaft“ gilt, wie Semprini betont, ist sie erst seit etwa 50 Jahren ein universeller Standard der akademischen Publikation. Im frühen 19. Jahrhundert war die wissenschaftliche Gemeinschaft kleiner und die Begutachtung oft eine informelle Tätigkeit unter Gleichgesinnten, die nicht an den beruflichen Aufstieg gekoppelt war.

Die Universalisierung der Begutachtung erfolgte teilweise zufällig, als Reaktion auf öffentliche und politische Drücke. In den 1970er-Jahren nutzte die US National Science Foundation externe Gutachter zur Legitimierung ihrer Förderentscheidungen, um politischer Kontrolle zu entgehen. Ein ähnlicher Trend zeigte sich in Großbritannien in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren, als wissenschaftliche Organisationen die Begutachtung als Merkmal „echter Wissenschaft“ hervorhoben, um sich von umstrittenen Themen abzugrenzen.

Steigende Belastung für Gutachter

Heute erhalten Universitätsprofessoren, die neben ihren vielfältigen beruflichen Verpflichtungen auch als Gutachter tätig sind, eine hohe Anzahl von Anfragen. Sebastian Lourido schätzt, dass er monatlich etwa zehn Gutachtenanfragen erhält, obwohl er realistisch nur ein bis zwei bearbeiten kann. Steven Mack, Immunogenetiker an der University of California, San Francisco, erhält täglich oder jeden zweiten Tag eine Anfrage.

Diese Frequenz ist nicht nur auf die steigende Zahl der Einreichungen zurückzuführen, sondern auch auf die Zunahme der Fachzeitschriften zwischen 1960 und 2020. Viele Zeitschriften veröffentlichen zudem regelmäßig „Sonderausgaben“ und nutzen das Online-Format, um eine größere Anzahl von Manuskripten zu publizieren. Angesichts dieser Entwicklungen fordern viele Experten Veränderungen, um die Funktionsfähigkeit des Systems langfristig zu sichern.


Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: Ars Technica.

← Zurück zu Aktuelles

Ähnliche Artikel