Der geplante Börsengang des KI-Unternehmens Anthropic, der eine Bewertung von bis zu 2 Billionen US-Dollar erreichen könnte, lenkt die Aufmerksamkeit auf seine ungewöhnliche Governance-Struktur. Ein externer Treuhänderbeirat, der Long-Term Benefit Trust (LTBT), kontrolliert die Mehrheit des Unternehmensvorstands und soll die Mission des Unternehmens sichern, Künstliche Intelligenz zum langfristigen Nutzen der Menschheit zu entwickeln.
Der Long-Term Benefit Trust im Detail
Der Long-Term Benefit Trust (LTBT) ist ein Beratergremium, das keine Anteile an Anthropic hält, aber erheblichen Einfluss ausübt. Als zentraler Governance-Mechanismus der Anthropic Public Benefit Corporation – einer Unternehmensform, die neben dem Profit auch einen öffentlichen Zweck verfolgt – hat der LTBT das Recht, die Mehrheit des Vorstands zu ernennen oder zu entlassen. Aktuell hat er vier der sieben Direktoren von Anthropic ausgewählt, darunter Reed Hastings, Mitbegründer von Netflix, und Vas Narasimhan, CEO von Novartis.
Derzeit besteht der LTBT aus drei Mitgliedern von potenziell maximal fünf. Den Vorsitz führt Neil Buddy Shah, CEO der Clinton Health Access Initiative. Weitere Mitglieder sind der ehemalige Vorsitzende der US-Notenbank, Ben Bernanke, und Richard Fontaine, CEO des Center for a New American Security. Mariano-Florentino „Tino“ Cuéllar, ein ehemaliger Richter des Obersten Gerichtshofs von Kalifornien, verließ den Beirat, um als Chief Global Affairs Officer für Anthropic tätig zu werden. Experten sehen in der Ernennung Bernankes ein Zeichen für das Bestreben, eine industrieweite Blaupause für die KI-Governance zu schaffen, ähnlich den GAAP-Rechnungslegungsgrundsätzen.
Arbeitsweise und Herausforderungen
Obwohl der LTBT die Mehrheit des Vorstands kontrolliert, agiert er bisher hauptsächlich in beratender Funktion. Die Treuhänder erhalten Vorabinformationen über wichtige Unternehmensentscheidungen, wie die Einführung neuer KI-Modelle. Sie treffen sich wöchentlich intern und alle zwei Wochen mit der Anthropic-Führung. Auch an regulären Vorstandssitzungen nehmen sie teil und diskutieren wichtige Themen mit den Gründern, wie etwa das Cybersicherheitsmodell Mythos, dessen begrenzte Einführung sie durch das Glasswing Project förderten, oder den Streit mit der US-Regierung über automatisierte Waffen.
Trotz dieses Zugangs und der Autorität hat der Beirat bisher keine klaren Grenzen gezogen oder signifikante Kompromisse zwischen Profit und Unternehmenszweck erzwungen. Dies führt laut Jesse Fried, Professor an der Harvard Law School und Experte für Corporate Governance, zu einem „eingebauten Konflikt“. Er argumentiert, dass die Spannung zwischen gewinnorientierten Investoren und selbsternannten Individuen, die über die Opferung von Profit für die Mission entscheiden, tiefgreifend und potenziell unkontrollierbar ist.
Experten warnen, dass das Modell von Anthropic, obwohl durchdacht strukturiert, noch unbewährt ist und einem Stresstest unterzogen werden muss, da das derzeit defizitäre Unternehmen auf dem Weg zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell ist. Elizabeth Pollman, Rechtsprofessorin an der University of Pennsylvania, weist darauf hin, dass die intensive Konkurrenz im KI-Bereich die Balance zwischen verschiedenen Interessen erschwert.
Investorenperspektive und IPO-Druck
Im Gegensatz zu OpenAI, dessen Governance-Modell im November 2023 zu einer Krise führte, gilt die Anthropic-Struktur als weniger riskant. Sie verfügt über einen sogenannten „Kill Switch“, der es ermöglicht, die Treuhänder mit einer Supermehrheit von 85 Prozent der Aktionärsstimmen zu entlassen – eine Quote, die sich nach dem Börsengang ändern könnte.
Private Investoren, die Anthropic in mehreren Runden finanziert haben, taten dies mit vollem Verständnis der Governance-Struktur. Einige nannten sogar die Betonung der Sicherheit als Teil ihrer Investitionsthese. Ein Risikokapitalgeber merkte jedoch an, dass Investoren letztlich davon ausgingen, dass das Unternehmen zu einem kommerziellen Giganten werden müsse, um seine Kernmission zu erfüllen. Der Schritt an die öffentlichen Märkte wird diese Struktur einer breiteren und potenziell weniger nachsichtigen Investorenbasis aussetzen und den Druck auf Anthropic erhöhen, Gewinne zu erzielen.
Thema: Anthropic. Quelle/Inspiration: Ars Technica.