Eine gemeinnützige Organisation aus San Francisco hat einen umfassenden Fahrplan für Experimente, Studien und Infrastruktur vorgelegt, die nach ihrer Auffassung für fundierte Entscheidungen über den Einsatz von Solar-Geoengineering notwendig wären. Wissenschaftler erforschen seit einem halben Jahrhundert die Möglichkeit, dem Klimawandel entgegenzuwirken, indem sie reflektierende Partikel in die Stratosphäre freisetzen, um die kühlende Wirkung von Vulkanausbrüchen nachzuahmen.
Trotz Hunderter Studien zu diesem Konzept, bekannt als Stratosphärische Aerosolinjektion (SAI), bestehen weiterhin erhebliche Lücken im wissenschaftlichen Verständnis bezüglich seiner Wirksamkeit und möglicher Nebeneffekte. Bislang fehlte ein systematischer Plan, um diese Unsicherheiten zu beseitigen.
Reflectives Strategie für informierte Entscheidungen
Die Forschungsorganisation Reflective, die Studien zum Solar-Geoengineering finanziert, hat nun mit der Veröffentlichung ihres SAI Research Roadmaps versucht, diese Lücke zu schließen. Dakota Gruener, Mitbegründerin und CEO von Reflective, betont, dass es die Mission der Organisation sei, die Welt schnell genug mit den nötigen Daten und Werkzeugen für informierte Entscheidungen über die Sonnenlichtreflexion auszustatten.
Der Fahrplan soll wissenschaftliche Bemühungen lenken und philanthropische oder staatliche Einrichtungen dazu anregen, vorrangige Forschung zu finanzieren und „verantwortungsvoll zu beschleunigen“. Wenn die Arbeiten koordiniert durchgeführt werden, würde dies laut Schätzung etwa ein Jahrzehnt dauern und rund 370 Millionen Dollar kosten. Eine unkoordinierte Umsetzung würde hingegen etwa 20 Jahre in Anspruch nehmen und fast 1,4 Milliarden Dollar erfordern.
Kontroverse um Freisetzungsexperimente
Obwohl Gruener betont, dass Reflective den Einsatz dieser Form des Solar-Geoengineerings nicht befürwortet, plädiert der Bericht für die Durchführung von Freisetzungsexperimenten im Freien. Dabei sollen schrittweise größere Mengen Schwefeldioxid oder Substanzen, die sich in Schwefeldioxid umwandeln, in die Stratosphäre freigesetzt werden, um die Auswirkungen zu beobachten.
Dieser Standpunkt ist umstritten. Seit 2002 haben Hunderte von Wissenschaftlern einen offenen Brief unterzeichnet, der ein Verbot von Freisetzungsexperimenten und ein „internationales Nichtnutzungsabkommen“ fordert. Sie argumentieren, dass eine so mächtige Technologie niemals global gerecht regiert werden könnte. Aarti Gupta, Mitinitiatorin der Nichtnutzungsinitiative und Professorin für globale Umweltgovernance an der Universität Wageningen, sieht die Kernfrage nicht im Technischen: „Die zentrale Frage ist: Wer würde eine planetenverändernde Technologie wie die stratosphärische Aerosolinjektion kontrollieren? Wer würde sie entwickeln und wer würde sie einsetzen, und zu welchem Zweck? Diese Fragen sind sehr grundlegend, denn diese planetenverändernde Technologie wird Gewinner und Verlierer haben.“
Reflectives Rolle und der Fahrplan in Phasen
Seit ihrer Gründung Ende 2023 hat sich Reflective schnell zu einem wichtigen Akteur in der Solar-Geoengineering-Forschung entwickelt. Die Organisation hat über 20 Millionen Dollar von namhaften Wohltätigkeitsorganisationen und Einzelpersonen gesammelt und rund 4 Millionen Dollar an mehrere Dutzend Forschungsgruppen vergeben. Reflective hat zudem eigene Projekte zur Forschungsförderung initiiert, darunter die Entwicklung eines Open-Source-Simulators für Solar-Geoengineering und eine Online-Plattform für kollaborative Forschung.
Anfang des Jahres veröffentlichte Reflective die SAI Uncertainties database, die eine lange Liste wissenschaftlicher Unbekannten und technischer Hindernisse identifizierte. Der nun vorliegende Fahrplan baut auf dieser Datenbank auf und skizziert den Weg zur Beantwortung der meisten dieser Fragen:
- Phase 1: Grundlagenwissen
Diese Phase umfasst zusätzliche Computersimulationen und Laborexperimente, die potenzielle Auswirkungen auf verschiedene Regionen, Ökosysteme, Meeresströmungen, Eisschilde und Ernteerträge beleuchten sollen. Zudem sollen Beobachtungsinstrumente entwickelt werden, um die Ausgangsbedingungen der Stratosphäre besser zu verstehen. Dauer: zwei bis drei Jahre, Kosten: 30 bis 75 Millionen Dollar. - Phase 2: Erste Freisetzungsexperimente
Hierbei sollen modifizierte Flugzeuge viermal über zwei Saisons hinweg jeweils 10 Tonnen Schwefeldioxid in die Stratosphäre freisetzen. Diese Forschungsphase könnte vier bis acht Jahre dauern und 70 bis 150 Millionen Dollar kosten. Sie soll die Unsicherheit über die „Kühlungseffizienz“ des Solar-Geoengineerings um etwa 25 Prozent reduzieren. - Phase 3: Größere Freisetzungsexperimente
In dieser Phase würden mindestens einmal, möglicherweise zweimal, 25.000 Tonnen Schwefeldioxid über eine Saison freigesetzt. Diese Forschungsstufe, die auch andere Arbeiten umfasst, würde vier bis elf Jahre dauern, 270 Millionen bis 1,1 Milliarden Dollar kosten und die Unsicherheit bezüglich der Effizienz um etwa 66 Prozent verringern. - Phase 4: Laufende Überwachung
Sollte sich die Welt für ein umfassendes Solar-Geoengineering entscheiden, wäre die letzte Forschungsphase die kontinuierliche Überwachung. Ziel wäre es, Echtdaten über die Technologie im Einsatz zu sammeln, Schätzungen der Effekte in Modellen zu aktualisieren und unerwartete oder unerwünschte Folgen zu identifizieren.
Gruener bezeichnet den Fahrplan als Version 1, die „konkret genug sein soll, um darüber zu diskutieren“. Reflective beabsichtigt, den Plan zu aktualisieren, sobald Rückmeldungen von Forschern und anderen Beobachtern eingehen. Zwischen den späteren Phasen sind zudem „Phasentore“ vorgesehen, die sicherstellen sollen, dass die Forschung nicht fortgesetzt wird, wenn Experimente darauf hindeuten, dass die Freisetzungen nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen.
Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: MIT Technology Review.