Die renommierte Preprint-Plattform ArXiv wird ab dem 1. Oktober 2026 die Einreichung von Forschungsarbeiten auf zwei Beiträge pro Person und Kalendermonat begrenzen. Diese Entscheidung ist eine Reaktion auf einen signifikanten Anstieg der monatlichen Einreichungen, der in den letzten zwei Jahren eine Verdopplung auf über 40.000 erreicht hat. Insbesondere die Kategorie für Künstliche Intelligenz (cs.AI) verzeichnete in diesem Zeitraum ein mehr als sechsfaches Wachstum.
Details der neuen Einreichungsregeln
Die neue Beschränkung gilt plattformweit für alle Kategorien und betrifft ausschließlich die Person, die eine Arbeit einreicht. Co-Autoren sind von dieser Regelung nicht betroffen. Abgelehnte Arbeiten werden weiterhin auf das monatliche Limit angerechnet, da sie Moderationszeit in Anspruch nehmen. Wird eine Arbeit jedoch vor der Veröffentlichung vom Autor gelöscht, wird der entsprechende Einreichungsplatz wieder freigegeben. Die bereits seit 2024 bestehende Obergrenze von drei aktiven Einreichungen pro Person bleibt weiterhin bestehen.
Hintergrund und Begründung der Maßnahme
ArXiv begründet die neue Regelung mit dem starken Anstieg der Einreichungen, der teilweise durch den Einsatz von KI-Tools bedingt ist. Während im September 2016 knapp 10.000 Arbeiten eingereicht wurden, stieg diese Zahl im September 2024 auf über 20.000 und erreichte im September 2026 mehr als 40.000. Diese Entwicklung führte zu fast 9.000 Support-Tickets für Mitarbeiter und ehrenamtliche Moderatoren.
Thomas G. Dietterich, Vorsitzender des ArXiv Editorial Advisory Council, bezeichnet die ehrenamtlichen Moderatoren als das Rückgrat der Qualitätskontrolle. Er stellt fest, dass ein relativ geringer Anteil von Autoren eine große Anzahl minderwertiger Arbeiten einreicht, die einen unverhältnismäßig hohen Anteil der Moderationszeit beanspruchen. Dies führe zu Verzögerungen von Tagen oder Wochen bei der Bearbeitung hochwertiger Beiträge. Die Moderatoren sehen sich vermehrt mit dünnen, eng fokussierten Arbeiten, sogenannten „Salami-Papieren“ (in winzige Stücke zerlegte Texte), und dichten, von KI verfassten Texten konfrontiert. Dietterich hofft, dass die Begrenzung auch „Mikro-Ergebnis“-Arbeiten eindämmt, die beispielsweise nur eine zusätzliche Ablationsstudie oder eine geringfügige Architekturanpassung beschreiben.
ArXiv betrachtet die neue Regelung als temporäre Lösung, bis eigene Moderationswerkzeuge skaliert werden können. Dietterich äußerte die Hoffnung, dass die Obergrenze später angehoben oder ganz aufgehoben werden kann.
Umgang mit KI-Inhalten und Finanzierung
Die Plattform hat bereits zuvor Maßnahmen ergriffen, um die Qualität zu sichern. Im November 2025 wurden die Regeln für computerwissenschaftliche Arbeiten verschärft, sodass Übersichtsartikel und Positionspapiere seitdem ein Peer-Review durchlaufen müssen. Im Mai 2026 kündigte Dietterich ein einjähriges Verbot für Autoren an, deren Arbeiten nachweislich unüberprüfte LLM-Ausgaben wie halluzinierte Quellen enthalten.
Nach 25 Jahren Zugehörigkeit zur Cornell University vollzieht ArXiv seit dem 1. Juli 2026 den Übergang zu einer unabhängigen gemeinnützigen Organisation. Ende September sagten die Simons Foundation International, XTX Markets und das Siegel Family Endowment insgesamt 17,2 Millionen US-Dollar über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren zu. Ein Teil dieser Mittel ist für technische Upgrades vorgesehen, insbesondere für den Umgang mit KI-generierten Inhalten.
Parallele Entwicklungen in der Forschung
Auch große KI-Konferenzen sehen sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Die ICLR 2027 erhielt bereits vor der Frist rund 50.000 Abstracts, während die ICLR 2026 etwa 19.500 gültige Einreichungen zählte. Bei NeurIPS 2025 wurden unter rund 5.000 akzeptierten Arbeiten mindestens 100 gefälschte Zitate mittels GPTZero entdeckt, obwohl jede Arbeit von mindestens drei Gutachtern geprüft wurde.
Währenddessen positionieren große KI-Labore ihre Modelle verstärkt als Forschungswerkzeuge. Google Deepmind erweiterte im August seinen Co-Scientist zu einem System, das Experimente planen, Laborgeräte steuern und Manuskripte generieren soll. Anthropic baut ein Biologielabor, in dem Claude Roboter durch Experimente leiten soll. OpenAI kündigte im September einen „automatisierten Forschungs-Praktikanten“ an, der unter menschlicher Aufsicht definierte Forschungsaufgaben erledigt. Eine Studie mit Beteiligung von Princeton und dem UK AI Safety Institute zeigte jedoch auch Grenzen auf: Claude Opus 4.8 erarbeitete sechs Tage lang Antworten auf Forschungsfragen aus zwei unveröffentlichten NeurIPS-Arbeiten, deren Ergebnisse von den ursprünglichen Autoren als Gutachter abgelehnt wurden.
Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: The Decoder.