Ein dreimonatiges Feldexperiment mit 133 Patentanwälten zeigt, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) die sofortige Arbeitsleistung verbessert, wobei insbesondere Berufsanfänger profitieren. Nimmt man die KI-Unterstützung jedoch weg, bleiben die Vorteile nur bei erfahrenen Anwälten bestehen, was auf eine entscheidende Rolle der Basiskompetenz für den Aufbau dauerhafter Fähigkeiten hindeutet.
Methodik der Untersuchung
Diese Erkenntnisse stammen aus einer von Google finanzierten Studie des National Bureau of Economic Research (NBER), einer gemeinnützigen US-Wirtschaftsforschungsorganisation. Über drei Monate hinweg nahmen 133 Patentanwälte aus elf US-Rechtsanwaltskanzleien für geistiges Eigentum an einem randomisierten Kontrollexperiment teil. Zwei Drittel der Teilnehmer erhielten Zugang zu „InFlow“, einem unveröffentlichten KI-Assistenten von Google Labs, während das verbleibende Drittel ohne KI arbeitete.
Die Studie umfasste zwei Hauptaufgaben: das Verfassen von Patentansprüchen (Drafting) mit und ohne KI-Unterstützung und eine Überprüfungsaufgabe (Redlining), bei der alle Teilnehmer einen bestehenden Patententwurf ohne KI kritisch prüfen mussten. Unabhängige Patentanwälte bewerteten die Ergebnisse verblindet in fünf Kategorien: Durchsetzbarkeit, technische Genauigkeit, strategische Ambiguität, Vollständigkeit und Klarheit.
Unterschiedliche Effekte bei Drafting und Redlining
Bei den Drafting-Aufgaben übertraf die Gruppe mit KI-Zugang die Kontrollgruppe sowohl nach 10 als auch nach 90 Tagen deutlich. Die Leistungssteigerung zeigte sich in allen fünf Bewertungsdimensionen und war bei Berufsanfängern mit weniger als sieben Jahren Erfahrung wesentlich größer als bei erfahrenen Kollegen. Dies deckt sich mit Studien, die zeigen, dass KI Leistungsunterschiede zwischen weniger und stärker erfahrenen Mitarbeitern verringert, etwa im Schreiben, Kundenservice oder der Softwareentwicklung.
Das Redlining-Ergebnis war gegensätzlich: Obwohl die KI-Gruppe insgesamt besser abschnitt, ging dieser Vorteil ausschließlich auf das Konto erfahrener Anwälte. Jüngere Anwälte zeigten hier keinerlei Vorteile, obwohl sie zuvor die größten Gewinne beim KI-gestützten Drafting erzielt hatten. Ihre Ergebnisse streuten stärker, mit mehr schlechten und guten Bewertungen, aber kaum mittleren. Die Forscher interpretieren dies als Hinweis darauf, dass KI bei einigen Junioren den Kompetenzaufbau beschleunigte, bei anderen jedoch ersetzte.
Eine ergänzende Textanalyse deutet darauf hin, dass erfahrene Anwälte fehlerhafte Entwürfe häufiger umstrukturierten und Änderungen auf rechtliche Prinzipien stützten. Junioren hingegen entdeckten zwar gravierende Mängel, behoben diese aber oft nicht, sondern hinterließen Notizen, die wie Anweisungen an einen KI-Assistenten wirkten. Die Autoren sehen darin ein grundlegendes Defizit bei Berufsanfängern, das der KI-Einsatz nicht beheben konnte.
Implikationen und weitere Studien
Die Forscher weisen darauf hin, dass die Spannung zwischen sofortigen Produktivitätsgewinnen und der Entwicklung dauerhafter Fähigkeiten relevant bleibt, solange professionelle Arbeit weiterhin Urteilsvermögen ohne KI erfordert – was voraussichtlich noch lange der Fall sein wird, etwa bei Mandantengesprächen oder Gerichtsverhandlungen.
Ähnliche Muster wurden in anderen Bereichen beobachtet: Eine Anthropic-Studie zeigte, dass junge Softwareentwickler, die eine neue Programmierbibliothek mit KI lernten, in einem Folgetest 17 Prozent schlechter abschnitten als jene ohne KI. Das MIT Media Lab fand Hinweise auf „kognitive Schuld“ durch ausgelagertes Denken beim Essay-Schreiben.
Diese Patentanwaltsstudie trägt zur Debatte über die Erosion beruflicher Expertise bei, die manche Forscher als „Tragödie der kognitiven Allmende“ bezeichnen: Einzelne Unternehmen profitieren von Automatisierung, während die Kosten der gehemmten Talententwicklung sich über den gesamten Berufsstand verteilen. Anthropic meldete zudem einen Rückgang der Junior-Positionen in ihren Ingenieurabteilungen von 21 auf 14 Prozent seit Anfang 2025.
Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: The Decoder.