Neil Rimer, Mitbegründer der Risikokapitalgesellschaft Index Ventures, äußerte Ende Mai auf einem Tech-Festival in Athen seine Überzeugung, dass der durch Künstliche Intelligenz (KI) in großem Umfang generierte Reichtum im Silicon Valley umverteilt werden muss, sei es freiwillig oder unfreiwillig.
Rimers Hintergrund und die Vorhersage
Rimer, dessen Firma Index Ventures seit ihrer Gründung rund 15 Milliarden US-Dollar von externen Investoren eingeworben und allein im letzten Jahr durch Exits – erfolgreiche Verkäufe oder Börsengänge von Portfoliounternehmen – wie den Figma-Börsengang und den Kauf von Wiz durch Google etwa 9 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet hat, ist ein anerkannter Akteur in der Tech-Branche. Seine öffentliche Äußerung zur Vermögensumverteilung, angesichts seiner eigenen philanthropischen Aktivitäten – darunter die Unterstützung von Entrepreneuren bei Endeavor Greece und seine ehemalige Rolle als Vorsitzender des Vorstands von Human Rights Watch von 2019 bis 2025 sowie eine 13-Millionen-Dollar-Spende an die McGill University mit seiner Familie – verleiht seinen Worten besonderes Gewicht. Rimer betonte, Tech-Führungskräfte könnten eine führende Rolle bei der freiwilligen Umsetzung spielen.
Rückläufige Spendenbereitschaft im Tech-Sektor
Rimers Prognose trifft auf eine Zeit, in der die Bereitschaft zur freiwilligen Philanthropie abnimmt. Die von Warren Buffett und Bill Gates initiierte „Giving Pledge“-Initiative, bei der Milliardäre die Hälfte ihres Vermögens spenden, verliert an Relevanz: Nach 113 Unterzeichnungen in den ersten fünf Jahren gab es 2024 nur noch vier neue Zusagen. Eine Analyse der New York Times hob hervor, dass Philanthropie bei einigen der reichsten Tech-Persönlichkeiten aus der Mode gekommen sei; Elon Musk etwa betrachte seine Unternehmen als Philanthropie. Auch wenn das gesamte US-Spendenvolumen 2024 einen Rekordwert von 592,5 Milliarden US-Dollar erreichte, sank die Zahl der spendenden Amerikaner im fünften Jahr in Folge um 4,5 Prozent. Selbst in wohlhabenden Haushalten ging die Spendenquote von 90 Prozent im Jahr 2017 auf 81 Prozent im letzten Jahr zurück. Dies zeigt sich auch bei Mitarbeitern von Unternehmen wie Anthropic, die trotz Matching-Programmen für Spenden eher in Angel-Investitionen oder eigene Firmen statt in gemeinnützige Zwecke investieren.
Steigende Vermögenskonzentration und legislative Bestrebungen
Die immense Vermögensakkumulation im KI-Sektor ist unübersehbar. Elon Musk erreichte kürzlich als erster Mensch die Billionen-Dollar-Marke, und Forbes zählte für 2026 bereits 45 neue KI-Milliardäre mit einem Gesamtvermögen von 2,9 Billionen US-Dollar, noch bevor Unternehmen wie Anthropic oder OpenAI an die Börse gegangen sind. Die Mitarbeiter von Anthropic und OpenAI könnten nach ihren geplanten Börsengängen zusammen Vermögen besitzen, das ausreicht, um fast ein Drittel aller Häuser in der Metropolregion San Francisco zu kaufen. Angesichts dieser Konzentration werden auch legislative Maßnahmen zur Umverteilung diskutiert. Kalifornische Wähler stimmen dieses Jahr über eine einmalige 5-Prozent-Vermögenssteuer für Milliardäre ab, woraufhin einige, darunter Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page, bereits ihren Hauptwohnsitz verlegt haben. OpenAI erwägt Berichten zufolge einen Börsengang im Jahr 2027, möglicherweise auch, um diese Steuer zu umgehen, die das Nettovermögen auf Basis der weltweiten Vermögenswerte zum Jahresende berechnen würde, sollte sie verabschiedet werden. Widerstand gegen solche Maßnahmen kommt von verschiedenen Seiten, darunter Gouverneur Gavin Newsom und Ökonomen, die vor der Abwanderung Wohlhabender warnen. Eine weitere kontroverse Option ist der Vorschlag, dass OpenAI der US-Regierung einen 5-Prozent-Anteil am Unternehmen überlässt – von CEO Sam Altman als „Teilen des KI-Erfolgs mit der Öffentlichkeit“ bezeichnet, von Kritikern jedoch als Versuch der politischen Absicherung gesehen.
Historische Parallelen zur Vermögenskonzentration
Die aktuelle Vermögenskonzentration in den USA erreicht historische Dimensionen. Der Anteil des reichsten Prozents der US-Haushalte am Gesamtvermögen lag im dritten Quartal des letzten Jahres bei 31,7 Prozent, ein Rekord seit Beginn der Datenerfassung durch die Federal Reserve im Jahr 1989. Dies entspricht in etwa dem gesamten Vermögen der unteren 90 Prozent der Haushalte. Während dieser Wert noch unter dem Höhepunkt des sogenannten „Gilded Age“ (Vergoldetes Zeitalter) von 45 Prozent im Jahr 1916 liegt, zeigt sich bei einer Betrachtung der absoluten Spitzenvermögen ein anderes Bild: Der Ökonom Gabriel Zucman berechnete, dass die vier größten Vermögen um 1910 vier Prozent des US-BIP ausmachten; heute halten 19 Haushalte, die die Spitze repräsentieren, 14 Prozent des BIP. Die Debatte um freiwillige oder erzwungene Umverteilung erinnert an die Argumente von Andrew Carnegie, der 1889 in seinem Essay „The Gospel of Wealth“ dafür plädierte, dass Reiche ihr Vermögen zu Lebzeiten zum Wohle der Öffentlichkeit verteilen sollten, und es als Schande bezeichnete, reich zu sterben.
Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: TechCrunch.