An der Brown University in den USA führte eine Umstellung der Prüfungsform von Heimarbeit zu Präsenz zu einem drastischen Rückgang der Durchschnittsnoten von 96 auf 48 Prozent in einem Wirtschaftskurs. Dies geschah, nachdem Professor Roberto Serrano den Verdacht hegte, dass Studierende generative Künstliche Intelligenz zum Betrug genutzt hatten.
Auffällige Ergebnisse nach Kursumstellung
Die Ereignisse nahmen ihren Anfang im Dezember 2025, als ein Vorfall auf dem Campus Professor Serrano dazu veranlasste, für seinen anspruchsvollen Wirtschaftskurs ECON 1170 im Frühjahr 2026 Heimprüfungen für das Midterm und das Finale zu ermöglichen. Üblicherweise zieht dieser Kurs wenige, aber leistungsstarke Studierende an, mit einer Teilnehmerzahl von acht bis maximal 30. Im Frühjahrssemester 2026 jedoch meldeten sich 86 Studierende an.
Die Ergebnisse der Midterm-Prüfung vom 5. März waren außergewöhnlich: Der Durchschnitt lag bei 96 von 100 Punkten, und 40 Studierende erreichten die volle Punktzahl. Historisch bewegte sich der Durchschnitt in diesem Kurs zwischen 65 und 80 Prozent, und die aktuelle Prüfung war laut Serrano sogar schwieriger konzipiert. Zudem fielen dem blinden Professor und seinen Graduierten-Assistenten viele Antworten durch einen „sehr verschlungenen Stil“ auf, selbst wenn sie korrekt waren. Eine Überprüfung der Prüfungsfragen mit einem KI-Chatbot wie ChatGPT lieferte ähnliche Ergebnisse.
Der Verdacht erhärtet sich
Angesichts dieser Auffälligkeiten beschloss Professor Serrano, die Abschlussprüfung persönlich vor Ort abzunehmen. Er informierte seine Studierenden per E-Mail, dass die Midterm-Prüfung nur dann gewertet würde, wenn die Ergebnisse der Abschlussprüfung ähnlich ausfielen. Andernfalls, so seine Erwartung, würde die Midterm-Prüfung für ungültig erklärt und die Abschlussprüfung entsprechend höher gewichtet.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: 18 Studierende meldeten sich daraufhin umgehend vom Kurs ab, und weitere neun erschienen nicht zur Abschlussprüfung. Von diesen 27 Studierenden hatten 22 eine perfekte Punktzahl im Midterm erreicht. Bei denjenigen, die an der Präsenzprüfung teilnahmen, stürzte der Durchschnitt von 96 auf 48 Prozent ab.
Universitäre Reaktionen und breitere Bedenken
Professor Serrano zeigte sich entsetzt über das Ausmaß des offensichtlichen Betrugs, der aus seiner Sicht das tatsächliche Lernen der Studierenden verhinderte. Er äußerte die Sorge, dass eine Gesellschaft, in der ein signifikanter Teil der besten jungen Köpfe Betrug akzeptabel findet, zu einer „gescheiterten Gesellschaft“ führe. Er beklagt eine eher verhaltene Reaktion der Brown-Verwaltung auf den Vorfall.
Die Brown University befasst sich generell mit dem Einsatz von generativer KI. Ein Bericht der Universitätsleitung stellte fest, dass 56 Prozent der Bachelor-Studierenden und 67 Prozent der Graduierten- und Medizinstudierenden täglich oder wöchentlich KI-Tools nutzen. Gleichzeitig äußern große Mehrheiten der Studierenden Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen von generativer KI auf ihr Lernen und befürchten negative Konsequenzen für ihre kognitiven Fähigkeiten.
Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: Ars Technica.