Chinesische Behörden erwägen, den ausländischen Zugang zu ihren fortschrittlichsten KI-Modellen zu beschränken. Betroffen wären unter anderem die Systeme von Alibaba, ByteDance und dem Start-up Z.ai. Diese potenzielle Maßnahme, die Künstliche Intelligenz als strategisches Gut behandelt, könnte den Zugriff europäischer Unternehmen auf kostengünstige chinesische Open-Source-KI-Modelle erheblich erschweren.
Chinas Pläne und Hintergründe
Laut einem Bericht von Reuters führten chinesische Behörden, angeführt vom Handelsministerium, im vergangenen Monat Gespräche mit führenden Technologieunternehmen über mögliche Beschränkungen des ausländischen Zugangs zu Chinas modernsten KI-Modellen. Die Diskussionen umfassten sowohl geschlossene als auch offene Modelle und bezogen sich auch auf zukünftige Entwicklungen. Alibaba, ByteDance und das Start-up Z.ai nahmen an diesen Treffen teil.
Die Gespräche befassten sich auch mit der Möglichkeit, den Diebstahl oder die Weitergabe geschützter KI-Technologie unter Chinas nationales Sicherheitsgesetz zu stellen. Ebenso wurden strengere Kontrollen für die Finanzierung heimischer KI-Start-ups erörtert. Der genaue Umfang und der Zeitpunkt der Umsetzung dieser Regeln sind derzeit noch offen.
Chinesische Modelle wie DeepSeek R1, Alibabas Qwen und ByteDances Doubao haben weltweit an Bedeutung gewonnen, oft aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit bei gleichzeitig niedrigen Kosten. Z.ai erregte kürzlich mit GLM-5.2 Aufsehen, das eine ähnliche Leistungsfähigkeit wie führende US-Modelle zu einem Bruchteil der Kosten bieten soll. Bei einer Beschränkung des Zugangs würden die Kosten für viele Unternehmen steigen.
Diese Überlegungen reihen sich in eine Reihe protektionistischer Maßnahmen ein, die China bereits ergriffen hat. Im April ordnete Chinas staatliche Planungsbehörde die Rückabwicklung von Metas 2-Milliarden-Dollar-Akquisition des chinesischen Start-ups Manus an. Anfang Juni folgten strengere Regeln für Auslandsgeschäfte chinesischer Investoren, Technologie und Daten. China untersuchte auch Manus und andere ins Ausland abgewanderte Start-ups wegen möglicher Exportkontrollverletzungen.
Ein Expertengremium des Obersten Volksgerichts skizzierte im Mai ein gestuftes System für Zugangsregelungen, dessen Zusammenfassung in einer Fachzeitschrift des Gerichts erschien:
- Grundlegende Open-Source-Tools erforderten lediglich eine Registrierung.
- Fortgeschrittene Technologien benötigten eine Sicherheitsüberprüfung.
- Die sensibelsten „Frontier-Modelle“ – die leistungsfähigsten und neuesten KI-Systeme – würden entweder gar nicht öffentlich freigegeben oder nur national genutzt.
US-Vorgehen als Vorbild
China spiegelt mit diesen Plänen einen Ansatz wider, den die USA bereits verfolgen. Die Trump-Regierung hatte Bedenken hinsichtlich des Missbrauchs amerikanischer KI durch ausländische Militär- und Geheimdienste geäußert. Im Juni untersagten die USA ausländischen Staatsangehörigen den Zugang zu Anthropic’s fortschrittlichsten Modellen Fable und Mythos. Fable wurde später unter neuen Sicherheitsvorkehrungen wieder freigegeben, während Mythos, das für Cybersicherheitsexperten entwickelt wurde, weiterhin nur einer kleinen Anzahl vertrauenswürdiger US-Organisationen und geprüfter Partnern zugänglich ist.
Chinesische Beamte befürchten, dass Washington Mythos nutzen könnte, um Software-Schwachstellen gegen chinesische Interessen auszunutzen. Zhou Hongyi, Gründer des Sicherheitsunternehmens 360, fordert daher ein chinesisches Äquivalent zu Mythos.
Auswirkungen auf Europa
Für Europa sind diese Entwicklungen von erheblicher Bedeutung. Beide Supermächte betrachten ihre besten KI-Modelle nun als strategische Vermögenswerte, die bei Bedarf zurückgehalten werden können. Bislang galten Chinas offene, frei verfügbare Modelle oft als souveräne Alternative zu teureren US-Diensten. Chinas Bestreben, die sensibelsten Modelle im Inland zu halten, zeigt jedoch, dass auch dieser Weg unsicher ist. Unternehmen, die heute auf kostengünstige chinesische Technologie setzen, könnten morgen den Zugang verlieren.
Europa verfügt mit Ausnahme des französischen Anbieters Mistral weitgehend nicht über ein eigenes wettbewerbsfähiges Angebot. Ein Bericht von Mario Draghi zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit verdeutlichte die digitale Lücke: Die EU ist bei über 80 Prozent aller digitalen Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen von ausländischen Anbietern abhängig. Ein im Februar 2026 veröffentlichter Bericht der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) zeichnete ein ähnlich ernüchterndes Bild der KI-Landschaft in Deutschland und Europa.
Die Abwanderung von Fachkräften und Unternehmen aus Europa ist ein anhaltendes Problem. Vielversprechende europäische Firmen wie das KI-Labor DeepMind, der Chipdesigner ARM oder das finnische Unternehmen Silo AI, das 2024 von AMD übernommen wurde, gingen an ausländische Käufer. Eine chronische Finanzierungslücke ist die Ursache: Laut Europäischer Investitionsbank haben über vier von fünf großen Finanzierungsrunden in der EU einen ausländischen Lead-Investor. In San Francisco liegt dieser Wert bei nur 14 Prozent.
Künstliche Intelligenz eröffnet nun einen weiteren Kanal für diesen Verlust von Wissen und Kapital. Fachwissen kann in kleinen Dosen erworben und direkt in Modelle eingespeist werden. Plattformen wie Mercor verbinden Spezialisten mit KI-Laboren, die deren Wissen als hochwertiges Trainingsmaterial nutzen. Der Markt verlagert sich von großen Mengen einfacher Beispiele zu kleineren, von Experten kuratierten Datensätzen. Menschliches Fachwissen fließt in Trainings- und Bewertungsdaten ein, wo es die Leistung von KI-Modellen dauerhaft steigern kann. Für Europa bedeutet dies ein doppeltes Risiko: Der Kontinent verliert weiterhin Unternehmen und Talente an ausländische Eigentümer, während gleichzeitig das Fachwissen seiner Spezialisten als Trainingsmaterial für Modelle abfließt, die Europa kaum selbst besitzt.
Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: The Decoder.