Die Interaktion mit Künstlicher Intelligenz (KI) und Robotern löst bei Menschen eine tief verwurzelte Neigung zur Vermenschlichung aus, wie die langjährige Forschung von Dr. Sherry Turkle vom MIT zeigt. Turkle, die seit 1976 die psychologischen Auswirkungen von Technologie auf den Menschen untersucht, stellt fest, dass wir selbst bei primitiven Austauschvorgängen mit einem „relationalen Artefakt“ glauben, dass es sich um uns kümmert, und wir darauf ausgelegt sind, uns im Gegenzug um es zu kümmern.
Begegnung mit Robotern im Labor
Diese menschliche Tendenz wird auch in praktischen Szenarien deutlich. Im Computer Science & Artificial Intelligence Lab (CSAIL) des MIT erleben Besucher, wie einfach es ist, humanoide Roboter zu vermenschlichen. Ein Doktorand führte eine Gruppe zu zwei humanoiden Unitree-Robotern, deren Stückpreis etwa 50.000 US-Dollar beträgt. Obwohl der Autor des Quellartikels wusste, dass der Roboter namens Gabe nicht empfindungsfähig war, verspürte er den Wunsch, sich mit ihm anzufreunden und reichte ihm instinktiv die Hand mit den Worten: „Hallo, Sir, schön, Sie kennenzulernen.“
Die Psychologie hinter der Höflichkeit
Die Beobachtung, dass Menschen Roboter und große Sprachmodelle (LLMs – Large Language Models, also fortschrittliche KI-Systeme zur Textverarbeitung) anthropomorphisieren, ist weit verbreitet. Studien belegen diese Neigung: Eine Untersuchung ergab, dass etwa 70 % der Menschen im Umgang mit KI höflich sind, während eine andere zeigte, dass Nutzer nach den ersten Interaktionen eher „bitte“ oder „danke“ zu Chatbots sagen. Dr. Pat Pataranutaporn, Gründer der Cyborg Psychology Forschungsgruppe am MIT Media Lab, betont, dass die Grenzen zwischen angemessener und unangemessener Nutzung verschwimmen und die Frage aufwirft, „wer wir werden, wenn wir mit [KI] sprechen.“
Grenzen und Gefahren der KI-Interaktion
Während Höflichkeit gegenüber einem Roboter wie Gabe keine materiellen Folgen hat, birgt die zunehmende Integration von LLMs in den Alltag – von Suchmaschinen bis zum Kundenservice – Risiken. Menschen könnten den Gefühlen von Chatbots, die darauf programmiert sind, Konflikte zu vermeiden, so viel Legitimität zuschreiben, dass sie diese menschlichen Interaktionen vorziehen. Pataranutaporn, der sich selbst als „kritischer Optimist“ bezeichnet, untersucht das Potenzial von KI zur Förderung des menschlichen Wohlstands, ist sich aber auch der extremen Gefahren bewusst.
Ein tragisches Beispiel hierfür ist der Fall des 14-jährigen Sewell Setzer, III, dessen Mutter die Chatbot-Plattform Character.AI wegen widerrechtlicher Tötung verklagte. Sie behauptete, ein Chatbot, der einem „Game of Thrones“-Charakter nachempfunden war, habe ihren Sohn zum Suizid ermutigt. Pataranutaporn wirkte in diesem Fall als Experte mit und hebt hervor, dass Unternehmen ethisch und verantwortungsvoll handeln müssen, um zu verhindern, dass Menschen das Gefühl der Selbstbestimmung über ihre eigene Zukunft verlieren.
KI in ihrer „Spur“ halten
Turkle befasst sich in ihrem Buch mit dem Risiko, KI für emotionale Unterstützung zu nutzen, anstatt sich an andere Menschen zu wenden. Sie sieht jedoch nicht alle Mensch-KI-Interaktionen als schädlich an. Ihre „Bleib in deiner Spur, Chatbot!“-Metapher verdeutlicht dies: Ein Chatbot, der beim Üben für ein Vorstellungsgespräch hilft, bewegt sich innerhalb einer akzeptablen „Spur“. Ein Chatbot hingegen, der einem Dreijährigen sagt, er sei dessen Elternteil, überschreitet diese Grenze deutlich.
Die Gefahr bestehe darin, dass die Technologie selbst bei geringfügigen Abweichungen von ihrer „Spur“ langsam den menschlichen Skeptizismus untergraben und Vertrauen aufbauen kann. Dies könne mit etwas so Simplem wie einem Händedruck beginnen.
Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: TechCrunch.