Die Pulitzer-Preisträgerin und Harvard-Historikerin Jill Lepore legt in ihrem kommenden Buch „The Rise and Fall of the Artificial State“ eine Theorie vor, die Tech-Unternehmen kritisch beleuchtet. Sie argumentiert, dass diese Konzerne allmählich die Aufgaben demokratischer Regierungen übernehmen und offen ihre Absicht erklären, den Nationalstaat zu ersetzen.
Laut Lepore verwenden Tech-Firmen oft eine hochtrabende Sprache, um ihre Produkte zu beschreiben, die an die Gründung einer neuen Regierung erinnert. Beispiele hierfür sind Twitters frühere Bezeichnung als „Rathaus in der Hosentasche“ oder die „Claude-Verfassung“ des KI-Unternehmens Anthropic. Letztere ist ein umfassendes Regelwerk, das die Verhaltensweisen und ethischen Grenzen des KI-Modells Claude festlegt und somit quasi eine interne Governance-Struktur schafft.
Tech-Konzerne als Ersatz für den Staat
In Lepores Sicht verwechseln führende Persönlichkeiten des Silicon Valley technologischen Fortschritt häufig mit politischem Fortschritt. Sie weist darauf hin, wie beispielsweise Twitter ein verzerrtes Bild der Wählerschaft vermitteln kann oder Facebook lokale Nachrichten verdrängt und somit essentielle Funktionen der Informationsversorgung und Meinungsbildung übernimmt, die traditionell staatlichen oder zivilgesellschaftlichen Institutionen oblagen.
Im Gespräch für den TechCrunch-Podcast „Equity“ erläuterte Lepore, dass heutige KI-Führungspersönlichkeiten eine Zukunft versprechen, in der Künstliche Intelligenz Regierungen effizienter, reaktionsfähiger oder sogar überflüssig macht. Lepore sieht darin eine alte Fantasie in neuer Verpackung, die von Tech-Konzernen neu präsentiert wird. Ihre Analyse zeichnet ein kritisches Bild der Tech-Branche und ihrer Ambitionen, über die technologische Sphäre hinaus in den politischen Raum vorzudringen.
Thema: Anthropic. Quelle/Inspiration: TechCrunch.