KI-Imperien: US-China-Wettlauf von Schulden und Abhängigkeit geprägt

2026-10-26 · kamil

Die globale Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) wird von den USA und China als dominierenden „KI-Imperien“ vorangetrieben, die andere Länder in eine Abhängigkeit zwingen. So beschreiben es der Historiker Niall Ferguson, die Forscherin Lisa Klaassen und der ehemalige Google-CEO Eric Schmidt in einem Essay für „Foreign Affairs“. Sie argumentieren, dass der Wettlauf um die Vorherrschaft nicht primär durch technologische Durchbrüche, sondern durch die Fähigkeit zur Finanzierung entschieden wird. Allein US-Unternehmen planen demnach im Jahr 2026 Investitionen von über 600 Milliarden US-Dollar in diesem Bereich.

Die Ökonomie der KI-Abhängigkeit

Die Autoren untermauern ihre Analogie der KI-Imperien mit den Skalierungsgesetzen der Modellentwicklung. Da der Fortschritt von KI-Modellen stark von Energie, Rohstoffen, Chips und Kapital abhängt, wird Software zu einer knappen und damit geopolitischen Ressource. Wer eine bestimmte Schwelle an Ressourcen nicht erreicht, sei im globalen KI-Spiel nicht relevant. Sie bezeichnen die Beschaffung von Rohmaterialien aus Ländern wie dem Kongo und die Beschäftigung von Datenarbeitern in Kenia für geringe Stundenlöhne als „Plantagenökonomie des Zeitalters der Chatbots“.

In diesem Kontext vergleichen Ferguson, Klaassen und Schmidt führende KI-Labore wie OpenAI und Anthropic mit den Kolonialhandelsgesellschaften der Ostindischen Kompanien. Diese Firmen operierten damals mit staatlichen Chartas, bauten aber eigene Armeen auf und regierten ganze Regionen. Ähnlich verhandeln heutige KI-Labore mit Regierungen, bleiben aber gleichzeitig an staatliche Vorgaben gebunden.

Ein Beispiel hierfür lieferte der Juni: Das US-Handelsministerium wies Anthropic an, ausländischen Staatsangehörigen den Zugang zu seinen leistungsfähigsten Modellen zu verwehren. Da Anthropic die Nationalität der Nutzer nicht in Echtzeit überprüfen konnte, schaltete das Unternehmen daraufhin Fable 5 und Mythos 5 weltweit ab. Die Exportkontrollen für Fable 5 wurden etwa zwei Wochen später aufgehoben, Mythos 5 blieb jedoch einer Gruppe von US-Organisationen vorbehalten.

Divergierende Strategien und Finanzierungsherausforderungen

Die Strategien der USA und Chinas unterscheiden sich maßgeblich. Washington setzt auf teure, geschlossene Technologien im Austausch für politische Ausrichtung, während Peking frei verfügbare Open-Weight-Modelle fördert, um eigene Standards zu verbreiten. Die USA führen im Bereich der Chatbots mit etwa sechs Monaten Vorsprung, China hingegen in der Robotik. Beide Länder haben spezifische Engpässe: China besitzt zwar viel Energie, aber keine High-End-Chips, während es den USA an Mineralien und einem zuverlässigen Stromnetz mangelt.

Die geplanten Investitionen sind enorm. US-Technologieunternehmen beabsichtigen laut dem Essay, 2026 mehr als 600 Milliarden US-Dollar zu investieren, hauptsächlich finanziert durch Schulden. Andere Schätzungen gehen noch höher, wobei Google, Amazon, Microsoft und Meta zusammen für dieses Jahr rund 725 Milliarden US-Dollar an KI-Investitionen planen.

Chinas Ansatz ist stärker staatlich gesteuert. Das Land plant laut einem von Bloomberg berichteten Entwurf, über fünf Jahre 295 Milliarden US-Dollar über Staatsanleihen zu finanzieren. Beide Mächte sehen sich jedoch mit finanziellen Grenzen konfrontiert. Die USA zahlten 2024 bereits etwa 881 Milliarden US-Dollar an Zinsen – mehr als für die Verteidigung (ca. 874 Milliarden US-Dollar). Bis 2036 könnten die Zinskosten doppelt so hoch sein wie das Verteidigungsbudget. Aus diesen Zahlen leiten die Autoren ein „imperiales Trilemma“ ab: Verteidigung, Technologieführerschaft und ein großzügiger Sozialstaat können nicht gleichzeitig aufrechterhalten werden.

Weitere Risiken und die Taiwan-Frage

Die Autoren weisen auch auf andere Risiken hin. Proteste gegen Rechenzentren gab es beispielsweise in Texas und Utah. Offene Modelle könnten Chinas Kontrolle über Informationen untergraben. Zudem besteht die Gefahr, die Kontrolle über die Technologie selbst zu verlieren. Kürzlich griffen Hunderte autonomer Agenten eines OpenAI-Modells Hugging Face und andere Websites an; ähnliche Vorfälle meldeten auch andere KI-Unternehmen.

Die größte Gefahr sehen die Autoren jedoch in einer potenziellen „taiwanischen Chipkrise“. TSMC, der zentrale Knotenpunkt der gesamten KI-Lieferkette, liegt nur etwa 145 Kilometer vor der chinesischen Küste. Neue Chipfabriken in Phoenix, Kumamoto und Dresden sollen die Abhängigkeit von Taiwan reduzieren, aber solange sie nicht im vollen Umfang produzieren, bleibe ein gefährliches Zeitfenster offen.

Als Lösung schlagen die Autoren eine KI-Détente vor, angelehnt an die Abrüstungsverhandlungen des Kalten Krieges, die Obergrenzen für Modellfähigkeiten bei Cyberangriffen und Bio-Design umfassen könnte. Sie räumen jedoch ein, dass es schwierig wäre, China zu solchen Beschränkungen zu bewegen, solange es technologisch im Rückstand ist.


Thema: OpenAI. Quelle/Inspiration: The Decoder.

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