KI-Medikament Rentosertib zeigt Anzeichen biologischer Altersumkehr

2026-09-07 · kamil

Das von Insilico Medicine mit Künstlicher Intelligenz (KI) entwickelte Medikament Rentosertib zeigt in einer frühen klinischen Studie Anzeichen dafür, dass es Marker des biologischen Alterns umkehren könnte. Bei 42 Patienten, die ursprünglich wegen idiopathischer Lungenfibrose (IPF) behandelt wurden, sagten sechs unabhängige KI-basierte „Aging Clocks“ – Modelle, die das biologische Alter anhand von Blutproteinen vorhersagen – ein biologisches Alter voraus, das um bis zu sechs Jahre jünger war als in der Placebo-Gruppe. Die Ergebnisse dieser Analyse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Nature Biotechnology veröffentlicht.

Details zur Studie und den Ergebnissen

Rentosertib wurde ursprünglich für die Behandlung von idiopathischer Lungenfibrose (IPF) entwickelt, einer Krankheit, die zu Vernarbungen des Lungengewebes führt. Eine im vergangenen Jahr durchgeführte Studie mit 42 IPF-Patienten zeigte eine verbesserte Lungenfunktion. Während dieser Studie wurden Blutproben gesammelt, deren Proteinmuster nun einer neuen Analyse unterzogen wurden. Die Forscher setzten sechs unterschiedliche Aging Clocks ein, die von unabhängigen Teams an renommierten Institutionen wie Harvard und Oxford sowie von Insilico selbst entwickelt wurden.

Alle sechs Modelle prognostizierten ein niedrigeres biologisches Alter für die mit Rentosertib behandelten Patienten im Vergleich zur Placebo-Gruppe. Der stärkste Effekt wurde nach vier Wochen beobachtet, mit einer Reduktion des vorhergesagten biologischen Alters um durchschnittlich drei bis vier Jahre. Eine der Uhren zeigte sogar eine Verringerung um bis zu sechs Jahre. Es ist wichtig zu betonen, dass dies eine Verschiebung der Blutproteinmuster bedeutet, die von den Modellen als jüngeres biologisches Alter interpretiert wird, und nicht unbedingt eine messbare Verjüngung der Patienten. Der Nobelpreisträger für Chemie, Michael Levitt, zeigte sich von der Übereinstimmung der Modelle überzeugt, da diese weder ihre Merkmale noch ihre Trainingsdaten teilen.

Einschränkungen und Expertenmeinungen

Die Forscher verglichen die Blutproteine der behandelten Patienten auch mit über 55.000 Profilen aus der UK Biobank, einer Datenbank, die altersbedingte Proteinveränderungen erfasst. Laut dem Unternehmen kehrte Rentosertib genau diese Veränderungen um. Obwohl die blutwertbasierten Ergebnisse teilweise auf die verbesserte Lungenfunktion und die damit verbundene geringere Belastung des Körpers zurückgeführt werden könnten, deutet die Tatsache, dass die optimale Dosis für die Lungenfunktion (60 mg einmal täglich) von der Dosis für die stärkste Reduktion des biologischen Alters (30 mg zweimal täglich) abwich, auf einen zumindest teilweise unabhängigen Effekt hin.

Kardiologe Eric Topol bezeichnete das Medikament als „ermutigend“, wies aber darauf hin, dass noch eine definitive Studie fehle, um ein abschließendes Urteil zu fällen. Vadim Gladyshev von der Harvard Medical School hob die geringe Stichprobengröße und die nicht immer zuverlässige Natur biologischer Uhren hervor. Er betonte jedoch gegenüber der New York Times, dass es sich um die erste Studie handele, die „sehr klar zeigt, dass das vorhergesagte biologische Alter reduziert werden kann.“ Gladyshev forderte weitere Studien an gesunden Probanden, da die aktuellen Ergebnisse möglicherweise nur für Patienten mit Lungenkrankheiten gelten.

KI in der Medikamentenentwicklung

Insilico Medicine setzte bei der Entwicklung von Rentosertib zwei KI-Systeme ein. Ein System analysiert Gesundheitsdaten und wissenschaftliche Literatur, um krankheitsrelevante Proteine zu identifizieren. Das andere System analysiert die Struktur dieser Proteine und generiert passende Moleküle. Auf diese Weise identifizierte Insilico das Protein TNIK als Ziel für sowohl Alterungsprozesse als auch Lungenfibrose. Von der Identifizierung des Zielproteins bis zum Medikamentenkandidaten dauerte es etwa 18 Monate. Rentosertib befindet sich derzeit in einer Phase-III-Studie für IPF, der letzten klinischen Phase vor einer möglichen Zulassung.

Insilico Medicine und die Zukunft der KI-Pharma

Insilico Medicine, 2014 in Hongkong gegründet, hat es sich zum Ziel gesetzt, die Medikamentenentwicklung durch generative KI zu beschleunigen. Der Pharmariese Eli Lilly hat kürzlich in das börsennotierte Unternehmen investiert, um gemeinsam mit KI entwickelte Medikamente auf den Markt zu bringen. Der Gründer und CEO Alex Zhavoronkov gibt an, dass Insilico bis März 2026 insgesamt mindestens 28 Medikamentenkandidaten mit generativer KI entwickelt haben will, von denen sich viele bereits in klinischen Studien befinden.


Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: The Decoder.

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