Ein kürzlich ergangenes Gerichtsurteil hat die komplexe Rechtslage bezüglich des Trainings von Künstliche-Intelligenz-Modellen (KI) mit urheberrechtlich geschützten Werken verdeutlicht. Richter William Alsup entschied, dass das Training von KI-Modellen des Unternehmens Anthropic an sich rechtmäßig war. Gleichzeitig verhängte er jedoch eine Strafe von 1,5 Milliarden US-Dollar, da die für das Training verwendeten Bücher aus illegalen Online-Schattenbibliotheken stammten.
Die zugrunde liegenden KI-Modelle von Chatbots wie ChatGPT, Gemini und Claude werden auf riesigen Datenbanken trainiert, die Hunderte Millionen von Büchern, Online-Artikeln und wissenschaftlichen Arbeiten umfassen. Viele Urheber haben ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung zur Entwicklung dieser Tools beigetragen. Die Rechtslage ist laut der auf geistiges Eigentum spezialisierten Anwältin Cathy Gellis äußerst komplex und emotional aufgeladen.
Die rechtliche Einschätzung des KI-Trainings
Richter Alsup verglich die Art und Weise, wie ein Large Language Model (LLM) Billionen von Wörtern aufnimmt, mit dem Literaturstudium eines Autors. Er urteilte, dass das Training von Anthropic nicht darauf abzielte, die Werke zu replizieren oder zu ersetzen, sondern etwas Neues zu schaffen. Cathy Gellis sieht in diesem Urteil tendenziell eine gute Nachricht für KI-Unternehmen. Sie betont, dass das Urheberrecht auf dem Akt des Kopierens basiert, nicht auf dem Nutzen, Erfahren, Konsumieren oder Lesen eines Werkes. Angesichts der für Anthropic bis 2028 prognostizierten Jahreseinnahmen von rund 200 Milliarden US-Dollar sei die Strafe von 1,5 Milliarden US-Dollar vergleichsweise gering.
Das Urheberrecht wurde zuletzt 1976 aktualisiert, was Richter vor die Herausforderung stellt, 50 Jahre alte Richtlinien auf Fragen anzuwenden, die die Zukunft der KI-Industrie prägen könnten. Jason Henderson, Gründer der IP & Media Practice bei JWL International, beschreibt die aktuelle Rechtslage als uneinheitlich, da die Gesetzgebung der rasanten Entwicklung der KI noch nicht gerecht geworden ist.
Fair Use und Wettbewerb
Oft drehen sich die rechtlichen Auseinandersetzungen um das sogenannte Fair Use-Prinzip. Fair Use ist eine Ausnahme im Urheberrecht, die die Nutzung urheberrechtlich geschützter Materialien ohne explizite Genehmigung erlaubt, wenn der Gebrauch „transformativ“ ist. Dies schützt die Möglichkeit, Werke durch Kritik, Parodie, Bildung und ähnliche Zwecke zu kommentieren und weiterzuentwickeln. Gerichte berücksichtigen dabei den Zweck und die Art der Nutzung, den Umfang des verwendeten Materials und dessen Auswirkungen auf den Markt.
Henderson merkt an, dass Gerichte dazu neigen, Klagen gegen KI-Unternehmen stattzugeben, wenn der Zweck des Trainings darin besteht, direkt mit den Originalwerken oder deren Markt zu konkurrieren. Ein Beispiel hierfür ist der Fall, in dem das Medien- und Technologieunternehmen Thomson Reuters die Forschungsfirma Ross Intelligence verklagte. Ross Intelligence hatte Reuters-Inhalte kopiert, um eine konkurrierende, KI-basierte Rechtsplattform zu entwickeln. Richter Stephanos Bibas entschied, dass Ross‘ Nutzung nicht transformativ war, da sie keinen „weiteren Zweck oder unterschiedlichen Charakter“ als die von Thomson Reuters aufwies. Autoren könnten zwar argumentieren, dass Chatbots durch die Generierung neuer, synthetischer Bücher mit ihnen konkurrieren, doch dieses Argument hat sich vor Gericht bisher nicht durchgesetzt.
Urheberrecht für KI-generierte Inhalte
Cathy Gellis weist darauf hin, dass zwischen dem Urheberrecht beim KI-Training und dem Urheberrecht an KI-generierten Inhalten unterschieden werden muss. Im Fall Thaler v. Perlmutter entschied ein Gericht, dass ein zu 100 % KI-generiertes Werk nicht urheberrechtlich geschützt werden kann. Dies wirft neue Fragen auf, etwa wie sich der Anteil von KI an der Erstellung eines Werkes zweifelsfrei nachweisen lässt. Gellis vergleicht dies mit der Nutzung einer Rechtschreibprüfung in Microsoft Word: Niemand würde behaupten, dass Word die Eigentumsrechte an einem damit geschriebenen Roman besitzt.
Viele KI-Unternehmen sind derzeit in laufende Rechtsstreitigkeiten verwickelt, was bedeutet, dass eine definitive Lösung der Probleme in absehbarer Zeit unwahrscheinlich ist. Die ersten Urteile sind jedoch bereits prägend für die Branche, auch wenn spätere Gerichtsentscheidungen diese noch aufheben könnten. KI-Unternehmen täten gut daran, diese Entwicklungen nicht zu ignorieren.
Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: TechCrunch.