Mitsotakis in den USA: Griechenland wirbt um Tech, ringt mit KI-Fragen

2026-09-23 · kamil

Der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis besuchte diese Woche San Francisco, um Griechenland als Wirtschaftsstandort zu bewerben und sich gleichzeitig über Künstliche Intelligenz (KI) zu informieren. Vor einem Publikum aus Gründern, Investoren und Führungskräften gab Mitsotakis dabei offen zu, dass seine Regierung, wie auch andere weltweit, auf viele der drängenden Fragen rund um KI noch keine Antworten hat.

Wirtschaftliche Neuausrichtung und Tech-Anreize

Mitsotakis präsentierte Griechenland als Land im wirtschaftlichen Aufschwung. Er hob hervor, dass Griechenland auf dem besten Weg ist, im kommenden Jahr vom einflussreichen Indexanbieter MSCI den Status eines entwickelten Marktes zurückzuerlangen. Dies sei ein Beleg für die gute wirtschaftliche Entwicklung und die Abkehr vom Status eines „Sonderfalls“. Der Premierminister betonte, dass Griechenland seine Schulden in Rekordtempo abbaue und mittlerweile günstiger Kredite aufnehme als die Vereinigten Staaten – eine Entwicklung, die während der Schuldenkrise von 2012, als griechische Anleiherenditen über 40 Prozent lagen, undenkbar gewesen wäre. Er räumte jedoch ein, dass die niedrigeren Zinssätze in der Eurozone einen Teil dieser Differenz erklären.

Ein Großteil der rund 36 Milliarden Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds nach COVID-19 floss laut Mitsotakis in die digitale Infrastruktur. Dazu gehört ein Online-Portal, das die Abwicklung von Behördenangelegenheiten für Bürger vereinfacht, sowie ein neuer Supercomputer. Dieser wurde mit Unterstützung von Hewlett Packard Enterprise in der Hafenstadt Lavrio aufgebaut und soll in den kommenden Monaten für KI- und wissenschaftliche Forschung in Griechenland in Betrieb genommen werden.

Für Technologieunternehmen wurden zudem politische Rahmenbedingungen angepasst: Die Besteuerung von Aktienoptionen wurde geändert, Arbeitsgesetze gelockert und für nach Griechenland zurückkehrende Bürger gibt es bis zu sieben Jahre lang deutlich niedrigere Steuern. Auch die Visa-Programme des Landes werden ausgebaut, wenngleich Mitsotakis einräumte, dass die Bearbeitungsgeschwindigkeit noch verbessert werden müsse.

Ein bemerkenswerter Wandel habe sich auch an den griechischen Universitäten vollzogen. Diese, so Mitsotakis, hätten einst einen „radikal linken Ansatz“ verfolgt und Unternehmen kritisch betrachtet, würden nun aber Start-ups hervorbringen. Das übergeordnete Ziel ist es, während der Schuldenkrise abgewanderte Talente zurückzugewinnen und angesichts der erschwerten US-Arbeitsvisa mehr Gründer zu ermutigen, Mitarbeiter in Griechenland einzustellen.

KI und gesellschaftliche Fragen: Eine offene Debatte

Besonders offen äußerte sich Mitsotakis zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der KI. Er gestand ein, keinen fertigen Plan zu haben. So führt Griechenland ab Januar ein Verbot von sozialen Medien für Kinder unter 15 Jahren ein, doch Mitsotakis vermutet, dass diese Maßnahme angesichts der scheinbar süchtig machenden Natur von KI-Chatbots bereits „die Schlacht von gestern“ sein könnte. Er hinterfragte, was es für Kinder bedeute, mit digitalen Begleitern oder „Freunden“ aufzuwachsen.

Auch im Bildungsbereich äußerte er sich vorsichtig. Griechenland hat ein Pilotprojekt mit OpenAI zur Reduzierung der Verwaltungsarbeit von Lehrern durchgeführt und sieht Potenzial in personalisierten KI-Tutoren. Er betonte jedoch, dass die Vorteile davon abhingen, dass KI nicht „die harte Arbeit des Erlernens grundlegender Fähigkeiten“ ersetze. Mitsotakis warnte davor, dass Schüler bereits Chatbots für Hausaufgaben nutzen, und merkte an, dass „Selbstgefälligkeit eine menschliche Eigenschaft ist“.

Griechenland als Standort für KI-Infrastruktur

Im Gegensatz zu vielen Regionen weltweit, die den Bau von Rechenzentren aufgrund ihres hohen Strom- und Wasserverbrauchs kritisch sehen, beschrieb Mitsotakis Griechenland als Ausreißer. Er berichtete, dass es in Griechenland „keine signifikante Reaktion“ gegen solche Projekte gebe. Als Beispiele nannte er den Bau eines Rechenzentrums-Clusters von Microsoft in der Nähe von Athen und die kürzliche Ankündigung von AWS, in einer ehemaligen Kohlebergbauregion das größte Rechenzentrum des Landes zu errichten. Dort würden die Projekte begrüßt.

Die Zukunft der Arbeit und KI-Regulierung

Mitsotakis ist überzeugt, dass Arbeitsplatzverdrängung „etwas ist, das geschehen wird“, und dass „keine Regierung und keine Gesellschaft auf die Geschwindigkeit vorbereitet ist, mit der es geschehen wird“. Er sprach sich dafür aus, die Entwicklung von KI zu verlangsamen, und schloss sich den Forderungen der führenden Forschungslabore an: „Wenn die Leute, die die Modelle bauen, uns sagen: ‚Wir sind uns nicht wirklich sicher, was mit diesen Modellen passiert‘, besonders wie sie sich selbst verbessern, müssen wir ihnen zuhören.“

Eine Form der „intelligenten Regulierung“ sei unvermeidlich, wobei die USA maßgeblich deren Form bestimmen würden. Griechenland würde jedoch gerne einen Diskussionsraum für diese Debatten bieten. Mitsotakis hob hervor, dass die Menschheit eine „Form von Intelligenz geschaffen hat, die sehr schnell die Kapazität des fortschrittlichsten Organs übersteigt, das die Evolution je geschaffen hat“, und stellte die Frage, was es bedeute, Mensch zu sein. Er schlug vor, Technologen mit Sozialwissenschaftlern, Philosophen und Historikern zusammenzubringen, und sah Athen als idealen Ort für diese Gespräche – in Anlehnung an die antike Agora, wo schon Sokrates grundlegende Fragen des menschlichen Zusammenlebens erörterte.


Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: TechCrunch.

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