Anthropic, ein führendes Unternehmen im Bereich Künstliche Intelligenz, plant einen Börsengang und versucht gleichzeitig, seine Kernmission der sicheren und verantwortungsvollen KI-Entwicklung zu wahren. Um dem potenziellen Druck von Aktionären entgegenzuwirken, die Renditen über Sicherheitsmaßnahmen stellen könnten, setzt das Unternehmen auf eine neuartige und komplexe Governance-Struktur.
Anthropic und das Dilemma der KI-Sicherheit
Der geplante Schritt an die Börse soll Anthropic Zugang zu umfangreichem Kapital der öffentlichen Märkte verschaffen. Gleichzeitig birgt die Entwicklung leistungsfähigerer KI-Modelle erhöhte Risiken. Aktionäre, die auf schnelle Renditen aus sind, könnten wenig Geduld für kostspielige Sicherheitsvorkehrungen aufbringen, die die Markteinführung von Produkten verzögern. Sam Altman, CEO des Konkurrenten OpenAI, nannte Investorendruck als einen Grund, warum sein Unternehmen in diesem Jahr keinen Börsengang anstrebt. Anthropic hofft, diesem Druck durch seine besondere Unternehmensführung standhalten zu können.
Eine neuartige Unternehmensführung
Laut Elizabeth Pollman, Professorin für Rechtswissenschaften an der University of Pennsylvania, hat Anthropic eine „einzigartige und komplizierte Governance-Struktur“ vorgeschlagen, die bisher nicht verwendet wurde und „kreativ für dieses gründergeführte und missionsorientierte Unternehmen entwickelt wurde“. Experten erwarten, dass diese Struktur Anthropic die Freiheit geben soll, Gewinne zu erzielen, ohne dass Aktionäre das Unternehmen zwingen können, bei der Sicherheit Abstriche zu machen oder Systeme unzureichend getestet auf den Markt zu bringen.
Die Basis: Public Benefit Corporation
Eine grundlegende Säule dieser Struktur ist Anthropic’s Status als Public Benefit Corporation (PBC). Das bedeutet, das Unternehmen ist gesetzlich verpflichtet, sich nicht nur auf die Maximierung der Aktionärsrenditen zu konzentrieren, sondern diese auch mit seiner erklärten sozialen Mission und den Interessen von Stakeholdern wie Mitarbeitern und spezifischen Gemeinschaften in Einklang zu bringen. Bekannte Beispiele für PBCs sind Patagonia und Kickstarter, die Missionen im Umweltschutz beziehungsweise der Unterstützung kreativer Gemeinschaften verfolgen.
Schutz des Aufsichtsrats durch Trust
Ein weiterer Schutzmechanismus zielt darauf ab, den Einfluss der Aktionäre auf den Aufsichtsrat zu begrenzen, der die Unternehmensleitung bestimmt und den CEO ernennt. Während Aktionäre normalerweise erheblichen Einfluss auf die Besetzung des Aufsichtsrats haben, wird dies bei Anthropic anders gehandhabt. Vier der sieben Aufsichtsratsmitglieder werden von einem speziellen Gremium, dem sogenannten Long-Term Benefit Trust, ausgewählt.
- Dieser Trust besteht aus fünf „finanziell uninteressierten stimmberechtigten Treuhändern“ mit Expertise in KI-Sicherheit, nationaler Sicherheit, öffentlicher Politik und Sozialunternehmen.
- Durch eine spezielle Aktienklasse, die sogenannte Class T Stock, kann der Trust Aufsichtsratsmitglieder ernennen oder abberufen.
- Sein Zweck ist es, sicherzustellen, dass Anthropic ein verantwortungsvolles Gleichgewicht zwischen den finanziellen Interessen der Aktionäre und den Interessen der von Anthropic’s Handlungen Betroffenen sowie dem öffentlichen Nutzen herstellt.
- Der Trust ist so konzipiert, dass er unabhängig von kommerziellen Zwängen agiert.
Gründer sichern sich entscheidende Stimmrechte
Für die verbleibenden drei Sitze im Aufsichtsrat haben die Gründer von Anthropic ebenfalls Vorkehrungen getroffen. Eine „Founder LLC“ wird 50,1 Prozent der Stimmrechte in Aktionärsangelegenheiten kontrollieren. Dies ermöglicht es den Gründern, Entscheidungen zu blockieren oder durchzusetzen, unabhängig von der Abstimmung anderer Aktionäre, und somit effektiv die restlichen drei Direktoren zu bestimmen. Die Founder LLC soll „anfänglich“ aus sieben Mitbegründern bestehen, darunter CEO Dario Amodei und Präsidentin Daniela Amodei. Bemerkenswert ist, dass Ben Mann, ein weiterer Mitbegründer, nicht aufgeführt ist.
Rechtliche Absicherung versus Marktrealität
Jens Dammann, Professor für Wirtschafts- und Handelsrecht an der University of Texas School of Law, betont, dass diese Anordnungen den Gründern und dem Trust „enorme Macht“ über die Unternehmensausrichtung verleihen und Anthropic vor vielen „Belastungen eines börsennotierten Unternehmens“ schützen. Er sieht keine Anzeichen dafür, dass der Börsengang an sich die Fähigkeit des Unternehmens untergraben würde, Sicherheit über kommerzielle Interessen zu stellen.
Ann Lipton, Professorin an der University of Colorado Law School, stimmt dem zu und erklärt, dass Anthropic „rechtlich vollständig von gewinnorientierten Zwängen isoliert“ sei, da gewöhnliche Aktionäre keine Möglichkeit hätten, den Aufsichtsrat zu wählen oder Geschäftsentscheidungen zu treffen. Sie warnt jedoch, dass die Gründer selbst finanzielle Anteile am Unternehmen halten, was ihre Entscheidungen beeinflussen könnte. Letztlich können selbst die stärksten rechtlichen Schutzmechanismen ein börsennotiertes Unternehmen nicht vollständig von den Anforderungen des Marktes isolieren, insbesondere wenn die Geschäftsentwicklung nicht den Erwartungen entspricht.
Thema: OpenAI. Quelle/Inspiration: The Verge.