Interne Dokumente enthüllen Bedenken bei Microsoft und OpenAI zum KI-Training

2026-09-21 · kamil

Unversiegelte Gerichtsdokumente im Rechtsstreit zwischen Nachrichtenorganisationen, angeführt von der New York Times, und den Technologieunternehmen Microsoft und OpenAI, haben interne Bedenken der Tech-Riesen über die Auswirkungen des KI-Trainings auf die Nachrichtenbranche offenbart. Die Kläger werfen den Unternehmen vor, Urheberrechte verletzt zu haben, indem sie massenhaft Nachrichteninhalte zum Trainieren ihrer Künstlichen Intelligenz (KI) abgeschöpft – im Fachjargon „geschabt“ – haben.

Interne Bedenken bei Microsoft und OpenAI

Besonders brisant sind Aussagen von Brent Hecht, einem Microsoft Director of Applied Science. In internen Dokumenten warnte Hecht wiederholt, dass das Schaben von Nachrichten für das KI-Training „ein erstaunlicher Diebstahl von beispiellosem Ausmaß“ sei und es möglicherweise den „größten Diebstahl menschlicher Arbeit in der Geschichte“ darstelle. Er widersprach auch der Argumentation von Microsoft und OpenAI, dass das Trainieren von KI mit Nachrichteninhalten unter die sogenannte „Fair Use“-Doktrin falle – ein Konzept im Urheberrecht, das die Nutzung urheberrechtlich geschützter Materialien unter bestimmten Umständen ohne Genehmigung erlaubt. Hecht meinte, der Plan, Nachrichten in großem Umfang zu schaben, mache sich über die Idee des „Fair Use“ lustig, da die Urheber in der Regel nicht beabsichtigen, dass ihre Inhalte auf diese Weise verwendet oder vergütet werden.

Auch bei OpenAI gab es ähnliche Bedenken. Nick Turley, der Leiter von ChatGPT, schrieb in einer internen Nachricht, dass Verlage einer „existenziellen Bedrohung“ durch kommerzielle Produkte gegenüberstünden, die mit Nachrichteninhalten trainiert wurden und Nachrichtenanbieter ersetzen könnten. Ein Microsoft-Dokument beschrieb sogar eine „Untergangsspirale“, die sowohl die Leistung der Modelle als auch das gesamte Internet beeinträchtigen würde. Das Dokument hob hervor, dass es „höchst ungewöhnlich“ sei, dass ein Endprodukt die wirtschaftlichen Grundlagen seiner wesentlichen Zulieferer bedrohe, aber genau diese Situation sei für das Geschäft mit großen Sprachmodellen (Large Language Models, LLM) im Hinblick auf deren „Content Supply Chain“ geschaffen worden.

Auswirkungen auf Nachrichtenorganisationen und Nutzerverhalten

Daten beider Firmen stützten diese Vorhersagen. Microsoft verzeichnete bei einigen Nachrichtenklägern Rückgänge der Klickraten (Click-Through Rates) zwischen 83 und 93 Prozent, bei anderen zwischen 51 und 94 Prozent. Interne Nachrichten von OpenAI zeigten zudem, dass ein Mitarbeiter namens Nick Ryder dem Präsidenten Greg Brockman mitteilte, er habe einen „Hack“ gefunden, um OpenAI-Crawler durch die Paywall der New York Times zu schleusen, worauf Brockman mit „Ah, nice“ antwortete.

Microsoft-CEO Satya Nadella sagte unter Eid aus, dass KI-Unternehmen die Nutzungsbedingungen von Nachrichtenseiten nicht durch das Umgehen von Paywalls verletzen sollten. Er räumte auch ein, dass Chatbots als Ersatz für Nachrichtenplattformen dienen, indem sie Klicks von Nachrichtenseiten stehlen, da sie Informationen direkt auf der KI-Plattform bereitstellen, anstatt zum Originalartikel zu führen. Ein Software-Ingenieur von OpenAI stimmte in einer internen Nachricht zu, dass „egal wie prominent wir die Links anzeigen, Nutzer nicht klicken werden“, da es „keinen guten Grund zum Klicken“ gebe, wenn der Chatbot die Informationen liefert. Turley von OpenAI prognostizierte, dass Chatbots „weitgehend substituierend sind, Punkt“ und mit zunehmender Verbesserung „immer substituierender werden“.

Verbatim-Ausgaben und rechtliche Argumente

Nachrichtenorganisationen haben verschiedene Taktiken angewandt, um zu testen, ob Microsoft- und OpenAI-Produkte ihre Artikel wörtlich wiedergeben. Sie fanden heraus, dass Chatbots lange Auszüge generierten, wenn Nutzer Zusammenfassungen oder Schlüsselpunkte anforderten. Besonders erfolgreich waren Aufforderungen, die „Voreingenommenheit“ von Artikeln zu bewerten oder Artikel von einer bestimmten Startseite auszuwählen, was ebenfalls zur Reproduktion von Artikelteilen führte.

Die Kläger konzentrieren sich in ihrem Antrag darauf, dass Gerichte zu Gunsten von urheberrechtlich geschützten Artikeln entscheiden, bei denen die Ausgaben „eine umfangreiche wörtliche Überschneidung“ aufweisen. Sie argumentieren, dass die „substituierenden Zwecke der Beklagten“ gegen „Fair Use“ sprechen. Die „Zukunft nicht nur des Journalismus, sondern auch verantwortungsvoller KI hängt davon ab, Anreize für Menschen zu erhalten, die kreativen Werke zu produzieren, auf denen eine gesunde Gesellschaft beruht“, so die Nachrichtenorganisationen.

Verteidigung und Gegenargumente

Ein Microsoft-Sprecher verteidigte die KI-Produkte des Unternehmens als transformative „Fair Use“-Anwendungen, die Nachrichtenseiten nicht ersetzen. Der Sprecher erklärte, Nadellas Aussage habe sich auf „breite Prinzipien und Veränderungen im Informationskonsum“ bezogen, die lediglich „Beobachtungen“ seien und „nicht mit Schlussfolgerungen über Urheberrechtsfragen verwechselt werden sollten“. Hechts Kommentare seien lediglich die „individuelle Perspektive eines Mitarbeiters“ und repräsentierten nicht die Ansichten des Unternehmens.

Steven Lieberman, Anwalt des New York Daily News und sieben seiner Schwesterzeitungen, widersprach dieser Darstellung. Er erklärte, die nun enthüllten Beweise zeigten, dass OpenAI und Microsoft „wussten, dass das, was sie taten, falsch war“. Lieberman betonte, die Unternehmen hätten darauf bestanden, diese Dokumente vertraulich zu behandeln, um sie der Öffentlichkeit vorzuenthalten. „Nun ist die Katze aus dem Sack“, sagte er.


Thema: OpenAI. Quelle/Inspiration: Ars Technica.

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