US-Grenze: KI-Überwachung versagt bei Todesfällen

2026-09-21 · kamil

Eine aktuelle Untersuchung des MIT Technology Review, die in Zusammenarbeit mit den Times of San Diego entstand, deckt systemische Mängel in der sogenannten „virtuellen Mauer“ entlang der US-mexikanischen Grenze auf. Diese Überwachungsanlage besteht aus Türmen, die mit fortschrittlicher, KI-gestützter Technologie ausgestattet sind. Die Recherche enthüllt Fälle, in denen Menschen unbemerkt durch von diesen Türmen überwachte Gebiete gingen, später in der Nähe starben und deren Leichen über Wochen oder Monate unentdeckt blieben.

Systemische Schwachstellen der Grenzüberwachung

Die Untersuchung, Teil der Serie „Dying on Camera“, identifiziert mehrere Ursachen für das Versagen der Überwachung: defekte Türme, Algorithmen, die Personen nicht erkannten, sowie Grenzschutzbeamte, die auf Warnmeldungen nicht reagierten. Diese Fälle hätten die US Customs and Border Protection (CBP), die für die Grenzsicherung zuständig ist, alarmieren müssen. Besonders betroffen sind Bereiche nahe der neuesten Türme des Verteidigungsunternehmens Anduril, das weiterhin große Aufträge erhält und von den für die Grenzsicherung vorgesehenen 1 Milliarde US-Dollar profitieren soll, mit denen die „virtuelle Mauer“ bis 2034 verdreifacht werden soll.

Fehlende Transparenz und Audits

Die Rechercheure bemängeln das Fehlen umfassender Audits. Die neuentdeckten Todesfälle, wie die über 18 Personen, die allein 2024 in einem kleinen Wüstenabschnitt nahe ihres Distrikts starben, veranlassten die Abgeordnete Sarah Silva aus New Mexico zu der Aussage, ein Audit sei dringend nötig, da das System nicht funktioniere.

  • Die CBP veröffentlicht keine vollständige Karte ihrer Überwachungsanlagen. Die Untersuchung stützte sich auf Karten der gemeinnützigen Electronic Frontier Foundation und Satellitenbilder, um die Standorte und Installationszeiten von Türmen zu verifizieren.
  • Obwohl fast 600 Türme analysiert wurden, gibt die Regierung an, dass derzeit 800 in Betrieb sind.
  • Die Zählung von über 1.050 Todesfällen in der Nähe dieser Türme ist eine Untererfassung.
  • Obwohl die CBP seit 2015 die Möglichkeit hat, die Effektivität ihrer Türme zu prüfen und die damit verbundenen Todesfälle zu quantifizieren, wurde eine solche Prüfung laut Quellen nie durchgeführt.

Mängel bei der Datenerfassung von Todesfällen

Das System zur Erfassung von Todesfällen an der Grenze ist laut Untersuchung ebenfalls mangelhaft:

  • Es gibt keine nationale Behörde, die alle Aufzeichnungen über Todesfälle von Migranten sammelt und veröffentlicht. Die Journalisten sichteten Tausende von Seiten aus Dutzenden von Behörden allein in Texas, erhielten aber kein vollständiges Bild.
  • Das interne System des Grenzschutzes, das Border Safety Initiative Tracking System (BSITS), existiert seit 2007, aber nationale Regeln für die Dateneingabe wurden erst 2021 eingeführt.
  • Das Government Accountability Office (GAO) stellte 2022 fest, dass viele Fälle, insbesondere nicht vom Grenzschutz entdeckte Todesfälle, nicht im BSITS erfasst wurden. Obwohl der Grenzschutz 2023 Schritte zur Verbesserung unternahm, finden externe Forscher die Schätzungen der Behörde weiterhin zu niedrig.
  • Das 2017 von der CBP gestartete Missing Migrant Program zur Verhinderung von Todesfällen verbesserte laut einer GAO-Feststellung im April 2025 zwar die Datenerfassung (z.B. 911-Anrufe, Rettungen), es fehlte jedoch ein Plan zur Messung, ob das Programm tatsächlich Rettungen erhöhte oder Todesfälle reduzierte. Zwei Empfehlungen des GAO zur Verbesserung wurden nicht umgesetzt.

Unzuverlässige Erfolgsmessung der Technologie

Die Bewertung der Wirksamkeit der Überwachungstechnologie ist ebenfalls problematisch:

  • Bereits 2014 schlug das GAO vor, dass Grenzschutzbeamte erfassen sollten, wann Technologie bei Festnahmen half. Die CBP stimmte zu und verlangte die Datenerfassung.
  • 2017 berichtete das GAO, dass die gesammelten Daten ungenau und unzuverlässig waren, wobei Beamte in Texas beispielsweise nicht existierende Türme für Hunderte von Festnahmen verantwortlich machten. Die CBP versprach Verbesserungen und Schulungen.
  • Jahre später berichten Beamte, dass dies immer noch keine Priorität habe. Ein ehemaliger CBP-Beamter bezeichnete die Anweisung als bedeutungslos.
  • Im August 2021, über sieben Jahre nach ihrer Zusage, hatte die CBP immer noch keine Analyse zur Effektivität der Türme vorgelegt. Eine Analyse wurde 2022 abgeschlossen, die Ergebnisse sind jedoch nicht öffentlich.

Dies bedeutet, dass die „virtuelle Mauer“ schneller wächst, als ihre Auswirkungen bewertet werden. Die CBP sollte neu auftretende Todesfälle untersuchen, feststellen, ob sie in Sichtweite eines Turms geschahen, und klären, warum die Personen nicht früher entdeckt wurden.


Thema: Technologie / KI allgemein. Quelle/Inspiration: MIT Technology Review.

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